{"id":5746,"date":"2013-01-14T08:42:56","date_gmt":"2013-01-14T07:42:56","guid":{"rendered":"http:\/\/preprod.gmtmag.com\/?p=5746"},"modified":"2013-08-16T09:05:13","modified_gmt":"2013-08-16T08:05:13","slug":"4-forum-der-hohen-uhrmacherkunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/business-n-de\/worldtempus-3\/4-forum-der-hohen-uhrmacherkunst.html","title":{"rendered":"4. Forum der Hohen Uhrmacherkunst"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"contenu_article\">Nachdem die ersten drei Ausgaben des Forums der Hohen Uhrmacherkunst im World Economic Forum stattfanden, wurde die vierte Ausgabe mit dem Thema Time to Share am Vortag des Grand Prix d\u2019Horlogerie de Gen\u00e8ve Mitte November am IMD ausgetragen. Fabienne Lupo, Organisatorin und Pr\u00e4sidentin der Stiftung f\u00fcr hohe Uhrmacherkunst, wollte an diesem Studientag den Teilnehmern die Tragweite des Erbes der hohen Uhrmacherkunst vor Augen f\u00fchren und den Austausch intensivieren. Franco Cologni, Pr\u00e4sident des kulturellen Rats der Stiftung, betonte nochmals, wie wichtig der Dialog f\u00fcr einen nachhaltigen Ansatz sei. Vor einem ausschliesslich aus Fachleuten der Uhrmacherei bestehenden Publikum beleuchteten Pers\u00f6nlichkeiten am Rednerpult die Uhrmacherei vom geschichtlichen, k\u00fcnstlerischen, demografischen und wirtschaftlichen Standpunkt aus und pr\u00e4sentierten je einen f\u00fcr die erfolgreiche Zukunft der Uhrenmarken sowie der aktuellen und zuk\u00fcnftigen F\u00fchrungskr\u00e4fte unabdingbaren Aspekt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bedeutung einer ausgeglichenen geografischen Risikoverteilung<\/strong><\/p>\n<p>Der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer war sichtlich angetan davon, vor einem f\u00fcr ihn so untypischen Publikum zu sprechen. Er betonte den verg\u00e4nglichen Charakter der heutigen Zeit. Seit dem Fall der Mauer 1989 und somit dem Untergang der Supermacht Sowjetunion ist das internationale Gleichgewicht ins Wanken geraten. Die nunmehr alleinige Supermacht USA hat seitdem drei Kriege finanziert und gleichzeitig die Steuern gesenkt. Im gleichen Zeitraum erlebte die Welt das chinesische Wirtschaftswunder. Die enorme Verbreitung der neuen Technologien hat unser Weltbild revolutioniert und die Telekommunikation allerorts die Anspr\u00fcche an die Lebensqualit\u00e4t in die H\u00f6he geschraubt. \u00abNiemand kann es den Schwellenl\u00e4ndern verwehren, endlich mit der Armut abschliessen zu wollen. In Europa ist der Konkurs eines Landes heute hingegen nicht mehr undenkbar\u00bb, erkl\u00e4rte Fischer bei-spielsweise. Die s\u00fcdostasiatischen Regionen sind jedoch sehr instabil. Der Westen ist im Niedergang begriffen, die USA jedoch nicht, weshalb sie die einzige Macht sind, die die Rolle des Weltpolizisten \u00fcbernehmen kann, vor allem seit der Wiederwahl Obamas, die die USA wieder in den Vordergrund des Weltge-schehens katapultieren k\u00f6nnte. Amerikaner und Chinesen unterhalten eine paradoxe und aufgrund ihrer so eng miteinander verflochtenen Wirtschaften unl\u00f6sbare Beziehung. China muss jedoch erst zahlreiche interne Probleme l\u00f6sen, bevor es sich politisch f\u00fcr den Rest der Welt interessieren kann. Der Nahe Osten ist eine weitere spannungsgeladene und in einem tiefen Wandel begriffene Region, deren Situation mit der Lage Europas im 19. Jahrhundert verglichen werden kann und deren historische Auswirkungen wir kennen. Fischer hofft vor allem, dass der Iran auf Atomwaffen verzichtet, denn sonst werde diese Region zum Pulverfass. Als Letztes stellte er die Frage in den Raum, ob der Aufschwung des Islams so moderat wie in der T\u00fcrkei verlaufen oder im Radikalismus m\u00fcnden werde. Der ehemalige Vizekanzler bezeichnete die aktuelle Zeit als \u00c4ra der Ungewissheit und neue Form der Stabilit\u00e4t-Volatilit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zukunftsforscherin f\u00fcr Geopolitik Virginie Raisson best\u00e4tigte diese spektakul\u00e4ren Ver\u00e4nderungen der Machtverh\u00e4ltnisse und katapultierte die Zuh\u00f6rer ins Jahr 2030 und 2050. Sie hofft, dass sich ein Teil ihrer Trendanalysen und Zukunftshypothesen als falsch herausstellen werden. Die demografische Gewichtung soll sich dann zugunsten des S\u00fcdens umgekehrt haben (Bsp.: Europa und Afrika verzeichnen 2030 die umgekehrte Situation von 1950: 9 und 19% der Weltbev\u00f6lkerung). Die grossen Massen an Arbeitskr\u00e4ften von heute werden die Konsumenten von morgen sein: Im Jahr 2000 stammten 60% der Mittelklasse aus Europa und den USA, 2050 sollen es nur noch 10% sein. Die Umverteilung des Reichtums scheint unausweichlich, da alle G8-L\u00e4nder verlieren und alle Schwellenl\u00e4nder an Boden gewinnen. Die Letzteren h\u00e4ufen kolossale staatliche Mittel f\u00fcr Investitionen, vor allem in Forschung und Entwicklung, an. Das frappierendste Beispiel ist S\u00fcdkorea, das 1950 noch das zweit\u00e4rmste Land der Welt war und inzwischen eine der st\u00e4rksten Volkswirtschaften der Welt geworden ist. Das winzige Katar hat mit seiner weltweiten Einkaufstour gerade erst begonnen. Die nat\u00fcrlichen Reserven werden zu wirtschaftlichen Waffen und der Zugang zu ihnen zu einer Frage des \u00dcberlebens. 50% der weltweiten Gasressourcen sollen dann im Iran, in Russland und Katar liegen. Die Uhrmacher erblassten bei einigen der Zukunftsthesen, zum Beispiel dass die Diamantreserven 2020 und die Goldreserven 2030 aufgebraucht seien. Ganz allgemein konsumieren die Industriel\u00e4nder zu viel, und gemeinsam mit den aufstrebenden L\u00e4ndern, die sich ebenfalls diesem Trend anschliessen, hat unser Planet keine Chance mehr, sich zu regenerieren. Virginie Raisson rief dazu auf, sich dessen bewusst zu werden und unsere Lebensweise zu \u00fcberdenken, insbesondere \u00abaus Liebe zu unseren Kindern\u00bb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verantwortung und Strategien<\/strong><\/p>\n<p>Leslie T. Chang, China-Korrespondentin des Wall Street Journal, beschrieb das Streben der chinesischen Arbeiterklasse nach einem besseren Leben. \u00abSie lernen englisch, um ihre Lebensbedingungen hinter sich zu lassen, und str\u00f6men zu Millionen in die St\u00e4dte\u00bb, erkl\u00e4rte sie beispielsweise und untermauerte somit die These ihrer Vorrednerin in Bezug auf eine zunehmende Verschmelzung von Produktions- und Konsumzentren. Auch wenn sich in China die Kluft zwischen Arm und Reich vergr\u00f6ssert, wird eine der gr\u00f6ssten Herausforderungen dieses Landes darin bestehen, mit der galoppierenden Unzufriedenheit der Massen umzugehen. Peter Brabeck-Letmathe, Verwaltungsratspr\u00e4sident von Nestl\u00e9 und Mitglied des Stiftungsrats des World Economic Forum, meint, dass die Unternehmen eine entschieden gr\u00f6ssere soziale Verantwortung \u00fcbernehmen sollten. In einer Welt mit zunehmender gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeit sei es auch m\u00f6glich, diese Verantwortung im Zentrum der Strategie eines Unternehmens zu verankern. Selbstver-st\u00e4ndlich zitierte er Nestl\u00e9 als Beispiel. Der Konzern entscheide \u00fcber jeden neuen Fertigungsstandort entsprechend lokalen soziodemografischen Kriterien, die die regionalen Lebensbedingungen verbessern und somit neue Konsumenten generieren sollen. \u00abWas machen wir 2050 mit einer Weltbev\u00f6lkerung von 10 Milliarden, wenn heute bereits 2 Milliarden unter Hunger und Durst leiden und 1,4 Milliarden mit nur einem Dollar pro Tag auskommen m\u00fcssen?\u00bb Er forderte alle F\u00fchrungskr\u00e4fte auf, sich pers\u00f6nlich und glaubw\u00fcrdig f\u00fcr den Schutz zuk\u00fcnftiger Generationen zu engagieren, was ihm zufolge mit der Strategie eines Unternehmens durchaus kompatibel ist.<\/p>\n<p>Dominique Turpin sprach auch von Strategie, aber ohne altruistische Dimension. Er lieferte ein \u00fcberzeugtes Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Marke und das Branding. Er zitierte gelungene Diversifizierungsbeispiele wie Virgin und Yamaha und gescheiterte Versuche wie Xerox und Heinz. Der IMD-Pr\u00e4sident untermauerte seine Erkl\u00e4rungen mit Ausz\u00fcgen aus Marketingkursen des ersten Studienjahres. Eine neue Marke zu etablieren koste mehr Geld und Zeit als die Produktpalette einer bestehenden Marke zu erweitern, die zudem von Skalenertr\u00e4gen profitieren k\u00f6nne. Die unerl\u00e4sslichen Grundvoraussetzungen f\u00fcr eine erfolgreiche Diversifizierung seien der vom Kunden wahrgenommene Wert dieser Neuheit bez\u00fcglich Andersartigkeit sowie der Bekanntheitsgrad der Marke. Der zu weit verbreitete Me-Too-Effekt sei zu vermeiden und die Relevanz der Zugeh\u00f6rigkeit einer Marke zu einer anderen zu analysieren (Garnier von l\u2019Or\u00e9al).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kunst und Sprache als Rettungsanker<\/strong><\/p>\n<p>\u00abZeit, Blut, Wasser und Geld fliessen.\u00bb F\u00fcr die Philosophin und Spezialistin f\u00fcr soziale Kommunikation Francesca Rigotti hebt die Zirkulation den Wert der Dinge hervor. Unser Hirn assimiliert Fl\u00fcssigkeit mit hohem Wert, egal ob es sich um Geld und Macht oder Blut und Wasser handelt. Es gibt unz\u00e4hlige Metaphern \u00fcber Zeit und Raum (\u00abOzean der Geschichte\u00bb), die die Zeit als beweglich und fl\u00fcssig darstellen. Das altgriechische Sprichwort \u00abnutze Worte wie Geld\u00bb, das den Wert in den Vordergrund stellte, wurde in der Zwischenzeit durch das ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte <em>Time is Money<\/em> von Benjamin Franklin ersetzt. Die Bedeutung des Wortes Luxus (\u00abverrenkt\u00bb, lateinisch im Sinne von \u00abAbweichung vom Normalen\u00bb) hat sich signifikant weiterentwickelt. Der bis zum 18. Jahrhundert negativ mit Aus-schweifung assoziierte Begriff wurde erst durch das merkantile Europa aufgewertet. Philippe Daverio, Kunstkritiker und Gr\u00fcnder von vier Galerien in Mailand und New York, machte einen Unterschied zwischen Luxus und Eleganz, einem Begriff, der vom Wort \u00abauserw\u00e4hlt\u00bb abstammt. \u00abEs gibt keinen wahren Luxus ohne Kultur und Ethik\u00bb, betonte der Professor f\u00fcr Design und ehemalige Kulturverantwortliche der Stadt Mailand. Er sprach ausserdem vom fr\u00fchen Verst\u00e4ndnis der Griechen f\u00fcr Sch\u00f6nheit, \u00abGlanz der Wahrheit und Echtheit\u00bb. Die zeitgen\u00f6ssischste Bedeutung der Sch\u00f6nheit stammt seiner Meinung nach aus dem mittelalterlichen Frankreich und Italien. Die Sch\u00f6nheit sei aber auch eine Flucht vor der Verantwortung, warnte der vielsprachige und hochgebildete Referent und bedauerte gleichzeitig, dass die Verantwortlichen in Krisenzeiten der Semantik immer den R\u00fccken kehrten. Worte spiegeln seiner Meinung nach die Vielschichtigkeit der Verhaltensweisen und somit die Geschichte der V\u00f6lker wider. Als Beispiel daf\u00fcr f\u00fchrte er die unterschiedliche Herkunft des Wortes \u00abUhr\u00bb an, das auf Franz\u00f6sisch (montre = zeigen), Englisch (watch = schauen) und Deutsch (Uhr = Zeit und Uhr selber) urspr\u00fcnglich andere Bedeutungen hatte. Er bewies, warum die Uhr das Sprachrohr der Zeit ist und wie sie die griechische Bedeutung von Zyklen materialisiert: Sie beginnt t\u00e4glich neu. Er erkl\u00e4rte ausserdem, warum die Uhren-Begeisterung der Pariser im 15. Jahrhundert letztlich in Genf zum Ausdruck gelangte, nachdem diese Stadt von Savoyen und Rom befreit wurde und im 16. Jahrhundert der Kalvinismus seine Wirkung entfaltete. Die Schweizer<br \/>\nUhrmacherei, so wie wir sie heute kennen, geht auf die Dok-trin Calvins zur\u00fcck, der die Begriffe Vorherbestimmung und<br \/>\nAuserw\u00e4hltsein mitbrachte und somit Tausende von Gold-schmieden anregte, ihr Fachwissen in den Dienst technischer<br \/>\nEleganz zu stellen<\/div>\n<p><\/br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem die ersten drei Ausgaben des Forums der Hohen Uhrmacherkunst im World Economic Forum stattfanden, wurde die vierte Ausgabe mit dem Thema Time to Share am Vortag des Grand Prix d\u2019Horlogerie de Gen\u00e8ve Mitte November am IMD ausgetragen. Fabienne Lupo, Organisatorin und Pr\u00e4sidentin der Stiftung f\u00fcr hohe Uhrmacherkunst, wollte an diesem Studientag den Teilnehmern die Tragweite des Erbes der hohen Uhrmacherkunst vor Augen f\u00fchren und den Austausch intensivieren. Franco Cologni, Pr\u00e4sident des kulturellen Rats der Stiftung, betonte nochmals, wie wichtig der Dialog f\u00fcr einen nachhaltigen Ansatz sei. Vor einem ausschliesslich aus Fachleuten der Uhrmacherei bestehenden Publikum beleuchteten Pers\u00f6nlichkeiten am Rednerpult die Uhrmacherei vom geschichtlichen, k\u00fcnstlerischen, demografischen und wirtschaftlichen Standpunkt aus und pr\u00e4sentierten je einen f\u00fcr die erfolgreiche Zukunft der Uhrenmarken sowie der aktuellen und zuk\u00fcnftigen F\u00fchrungskr\u00e4fte unabdingbaren Aspekt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bedeutung einer ausgeglichenen geografischen Risikoverteilung<\/strong><\/p>\n<p>Der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer war sichtlich angetan davon, vor einem f\u00fcr ihn so untypischen Publikum zu sprechen. Er betonte den verg\u00e4nglichen Charakter der heutigen Zeit. Seit dem Fall der Mauer 1989 und somit dem Untergang der Supermacht Sowjetunion ist das internationale Gleichgewicht ins Wanken geraten. Die nunmehr alleinige Supermacht USA hat seitdem drei Kriege finanziert und gleichzeitig die Steuern gesenkt. Im gleichen Zeitraum erlebte die Welt das chinesische Wirtschaftswunder. Die enorme Verbreitung der neuen Technologien hat unser Weltbild revolutioniert und die Telekommunikation allerorts die Anspr\u00fcche an die Lebensqualit\u00e4t in die H\u00f6he geschraubt. \u00abNiemand kann es den Schwellenl\u00e4ndern verwehren, endlich mit der Armut abschliessen zu wollen. In Europa ist der Konkurs eines Landes heute hingegen nicht mehr undenkbar\u00bb, erkl\u00e4rte Fischer bei-spielsweise. Die s\u00fcdostasiatischen Regionen sind jedoch sehr instabil. Der Westen ist im Niedergang begriffen, die USA jedoch nicht, weshalb sie die einzige Macht sind, die die Rolle des Weltpolizisten \u00fcbernehmen kann, vor allem seit der Wiederwahl Obamas, die die USA wieder in den Vordergrund des Weltge-schehens katapultieren k\u00f6nnte. Amerikaner und Chinesen unterhalten eine paradoxe und aufgrund ihrer so eng miteinander verflochtenen Wirtschaften unl\u00f6sbare Beziehung. China muss jedoch erst zahlreiche interne Probleme l\u00f6sen, bevor es sich politisch f\u00fcr den Rest der Welt interessieren kann. Der Nahe Osten ist eine weitere spannungsgeladene und in einem tiefen Wandel begriffene Region, deren Situation mit der Lage Europas im 19. Jahrhundert verglichen werden kann und deren historische Auswirkungen wir kennen. Fischer hofft vor allem, dass der Iran auf Atomwaffen verzichtet, denn sonst werde diese Region zum Pulverfass. Als Letztes stellte er die Frage in den Raum, ob der Aufschwung des Islams so moderat wie in der T\u00fcrkei verlaufen oder im Radikalismus m\u00fcnden werde. Der ehemalige Vizekanzler bezeichnete die aktuelle Zeit als \u00c4ra der Ungewissheit und neue Form der Stabilit\u00e4t-Volatilit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zukunftsforscherin f\u00fcr Geopolitik Virginie Raisson best\u00e4tigte diese spektakul\u00e4ren Ver\u00e4nderungen der Machtverh\u00e4ltnisse und katapultierte die Zuh\u00f6rer ins Jahr 2030 und 2050. Sie hofft, dass sich ein Teil ihrer Trendanalysen und Zukunftshypothesen als falsch herausstellen werden. Die demografische Gewichtung soll sich dann zugunsten des S\u00fcdens umgekehrt haben (Bsp.: Europa und Afrika verzeichnen 2030 die umgekehrte Situation von 1950: 9 und 19% der Weltbev\u00f6lkerung). Die grossen Massen an Arbeitskr\u00e4ften von heute werden die Konsumenten von morgen sein: Im Jahr 2000 stammten 60% der Mittelklasse aus Europa und den USA, 2050 sollen es nur noch 10% sein. Die Umverteilung des Reichtums scheint unausweichlich, da alle G8-L\u00e4nder verlieren und alle Schwellenl\u00e4nder an Boden gewinnen. Die Letzteren h\u00e4ufen kolossale staatliche Mittel f\u00fcr Investitionen, vor allem in Forschung und Entwicklung, an. Das frappierendste Beispiel ist S\u00fcdkorea, das 1950 noch das zweit\u00e4rmste Land der Welt war und inzwischen eine der st\u00e4rksten Volkswirtschaften der Welt geworden ist. Das winzige Katar hat mit seiner weltweiten Einkaufstour gerade erst begonnen. Die nat\u00fcrlichen Reserven werden zu wirtschaftlichen Waffen und der Zugang zu ihnen zu einer Frage des \u00dcberlebens. 50% der weltweiten Gasressourcen sollen dann im Iran, in Russland und Katar liegen. Die Uhrmacher erblassten bei einigen der Zukunftsthesen, zum Beispiel dass die Diamantreserven 2020 und die Goldreserven 2030 aufgebraucht seien. Ganz allgemein konsumieren die Industriel\u00e4nder zu viel, und gemeinsam mit den aufstrebenden L\u00e4ndern, die sich ebenfalls diesem Trend anschliessen, hat unser Planet keine Chance mehr, sich zu regenerieren. Virginie Raisson rief dazu auf, sich dessen bewusst zu werden und unsere Lebensweise zu \u00fcberdenken, insbesondere \u00abaus Liebe zu unseren Kindern\u00bb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verantwortung und Strategien<\/strong><\/p>\n<p>Leslie T. Chang, China-Korrespondentin des Wall Street Journal, beschrieb das Streben der chinesischen Arbeiterklasse nach einem besseren Leben. \u00abSie lernen englisch, um ihre Lebensbedingungen hinter sich zu lassen, und str\u00f6men zu Millionen in die St\u00e4dte\u00bb, erkl\u00e4rte sie beispielsweise und untermauerte somit die These ihrer Vorrednerin in Bezug auf eine zunehmende Verschmelzung von Produktions- und Konsumzentren. Auch wenn sich in China die Kluft zwischen Arm und Reich vergr\u00f6ssert, wird eine der gr\u00f6ssten Herausforderungen dieses Landes darin bestehen, mit der galoppierenden Unzufriedenheit der Massen umzugehen. Peter Brabeck-Letmathe, Verwaltungsratspr\u00e4sident von Nestl\u00e9 und Mitglied des Stiftungsrats des World Economic Forum, meint, dass die Unternehmen eine entschieden gr\u00f6ssere soziale Verantwortung \u00fcbernehmen sollten. In einer Welt mit zunehmender gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeit sei es auch m\u00f6glich, diese Verantwortung im Zentrum der Strategie eines Unternehmens zu verankern. Selbstver-st\u00e4ndlich zitierte er Nestl\u00e9 als Beispiel. Der Konzern entscheide \u00fcber jeden neuen Fertigungsstandort entsprechend lokalen soziodemografischen Kriterien, die die regionalen Lebensbedingungen verbessern und somit neue Konsumenten generieren sollen. \u00abWas machen wir 2050 mit einer Weltbev\u00f6lkerung von 10 Milliarden, wenn heute bereits 2 Milliarden unter Hunger und Durst leiden und 1,4 Milliarden mit nur einem Dollar pro Tag auskommen m\u00fcssen?\u00bb Er forderte alle F\u00fchrungskr\u00e4fte auf, sich pers\u00f6nlich und glaubw\u00fcrdig f\u00fcr den Schutz zuk\u00fcnftiger Generationen zu engagieren, was ihm zufolge mit der Strategie eines Unternehmens durchaus kompatibel ist.<\/p>\n<p>Dominique Turpin sprach auch von Strategie, aber ohne altruistische Dimension. 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Der zu weit verbreitete Me-Too-Effekt sei zu vermeiden und die Relevanz der Zugeh\u00f6rigkeit einer Marke zu einer anderen zu analysieren (Garnier von l\u2019Or\u00e9al).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kunst und Sprache als Rettungsanker<\/strong><\/p>\n<p>\u00abZeit, Blut, Wasser und Geld fliessen.\u00bb F\u00fcr die Philosophin und Spezialistin f\u00fcr soziale Kommunikation Francesca Rigotti hebt die Zirkulation den Wert der Dinge hervor. Unser Hirn assimiliert Fl\u00fcssigkeit mit hohem Wert, egal ob es sich um Geld und Macht oder Blut und Wasser handelt. Es gibt unz\u00e4hlige Metaphern \u00fcber Zeit und Raum (\u00abOzean der Geschichte\u00bb), die die Zeit als beweglich und fl\u00fcssig darstellen. Das altgriechische Sprichwort \u00abnutze Worte wie Geld\u00bb, das den Wert in den Vordergrund stellte, wurde in der Zwischenzeit durch das ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte <em>Time is Money<\/em> von Benjamin Franklin ersetzt. Die Bedeutung des Wortes Luxus (\u00abverrenkt\u00bb, lateinisch im Sinne von \u00abAbweichung vom Normalen\u00bb) hat sich signifikant weiterentwickelt. Der bis zum 18. Jahrhundert negativ mit Aus-schweifung assoziierte Begriff wurde erst durch das merkantile Europa aufgewertet. Philippe Daverio, Kunstkritiker und Gr\u00fcnder von vier Galerien in Mailand und New York, machte einen Unterschied zwischen Luxus und Eleganz, einem Begriff, der vom Wort \u00abauserw\u00e4hlt\u00bb abstammt. \u00abEs gibt keinen wahren Luxus ohne Kultur und Ethik\u00bb, betonte der Professor f\u00fcr Design und ehemalige Kulturverantwortliche der Stadt Mailand. Er sprach ausserdem vom fr\u00fchen Verst\u00e4ndnis der Griechen f\u00fcr Sch\u00f6nheit, \u00abGlanz der Wahrheit und Echtheit\u00bb. Die zeitgen\u00f6ssischste Bedeutung der Sch\u00f6nheit stammt seiner Meinung nach aus dem mittelalterlichen Frankreich und Italien. Die Sch\u00f6nheit sei aber auch eine Flucht vor der Verantwortung, warnte der vielsprachige und hochgebildete Referent und bedauerte gleichzeitig, dass die Verantwortlichen in Krisenzeiten der Semantik immer den R\u00fccken kehrten. Worte spiegeln seiner Meinung nach die Vielschichtigkeit der Verhaltensweisen und somit die Geschichte der V\u00f6lker wider. Als Beispiel daf\u00fcr f\u00fchrte er die unterschiedliche Herkunft des Wortes \u00abUhr\u00bb an, das auf Franz\u00f6sisch (montre = zeigen), Englisch (watch = schauen) und Deutsch (Uhr = Zeit und Uhr selber) urspr\u00fcnglich andere Bedeutungen hatte. Er bewies, warum die Uhr das Sprachrohr der Zeit ist und wie sie die griechische Bedeutung von Zyklen materialisiert: Sie beginnt t\u00e4glich neu. Er erkl\u00e4rte ausserdem, warum die Uhren-Begeisterung der Pariser im 15. Jahrhundert letztlich in Genf zum Ausdruck gelangte, nachdem diese Stadt von Savoyen und Rom befreit wurde und im 16. 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