{"id":8706,"date":"2015-01-05T14:29:30","date_gmt":"2015-01-05T13:29:30","guid":{"rendered":"http:\/\/preprod.gmtmag.com\/?p=8706"},"modified":"2015-01-05T14:29:30","modified_gmt":"2015-01-05T13:29:30","slug":"erfinder-ohne-grenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/technik-n-de\/technik\/erfinder-ohne-grenzen.html","title":{"rendered":"Erfinder ohne Grenzen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"contenu_article\"><strong>Die mechanische Uhrmacherei<\/strong> befindet sich an der Schnittstelle zwischen Industrie und Luxus und \u00fcberrascht durch besonderen Einfallsreichtum. Das gr\u00f6sste Paradox ist, dass sie sich innerhalb eines eng gesteckten Rahmens aus vor mehreren Jahrhunderten erarbeiteten L\u00f6sungen weiterentwickeln muss. R\u00e4derwerk, Ankerhemmung, Spiralfeder, Automatikaufzug und analoge Anzeige erblickten zwischen 1450 und 1800 das Licht der Welt. Ihre langsame Perfektionierung erreichte in den 1960er-Jahren einen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt. Doch wie jede andere Industrie auch darf sie nicht auf der Stelle treten und muss unaufh\u00f6rlich nach neuen Ans\u00e4tzen suchen. Sonst liefert sie bahnbrechenden Innovationen Angriffsfl\u00e4che, wobei das batteriegetriebene Quarzwerk auf diesem Gebiet sicherlich den schlagendsten Beweis geliefert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Serienfertigung<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Uhrenmarken sind mit anderen Industrieriesen verglichen klein. Der Schweizer Uhrensektor erzielt insgesamt einen geringeren Umsatz als der Volkswagen-Konzern oder der Chemiegigant Dupont. Innovationen sind teuer, vor allem in der breiten Umsetzung. Ohne Serienfertigung zahlen sich die Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen nicht aus. Deswegen entwickelte die Uhrmacherei ihren eigenen Weg: Sie sucht nach Inspirationsquellen, passt sich an und \u00fcbernimmt. Die grossen Uhrmacher des 18. Jahrhunderts waren Mathematiker, Schlosser und Astronomen. Allroundtalente wie Breguet, Ber-<br \/>\nthoud und Graham konnten gleichermassen Zeitmesser, Schl\u00f6sser, Thermometer oder sonstige Messinstrumente entwickeln. Diese Erfinder waren jedoch aufgrund der geografischen Distanz, der fehlenden Kommunikationsmittel oder der riesigen Schneewehen in den Schweizer T\u00e4lern den Grossteil des Jahres vom Rest der Welt abgeschnitten. Offenheit und Neugier waren \u00fcberlebenswichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-8702\" title=\"\" src=\"http:\/\/preprod.gmtmag.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/40-innovation1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"358\" srcset=\"https:\/\/www.gmtmag.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/40-innovation1.jpg 600w, https:\/\/www.gmtmag.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/40-innovation1-300x179.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00d6ffnung<\/strong><\/p>\n<p>Die moderne Uhrmacherei hat sich nicht wirklich ver\u00e4ndert. Durch die Aufhebung von Grenzen sucht sie nach Bestehendem und passt ihre Bed\u00fcrfnisse an. Oberfl\u00e4chenbehandlungen wie PVD und DLC stammen aus dem Werkzeugmaschinenbau. Sie reduzieren die Reibung auf Ladeplatten und steigern die H\u00e4rte von Schneidwerkzeugen. Die sogenannte Hightech-Keramik diente vor dem ersten Einsatz bei Rado in den 1980er-Jahren als thermische Isolation in der Metallindustrie und in der Raumfahrt. Letztere liefert zahlreiche Materialien, die in der Uhrmacherei als neu gelten, obwohl sie anderswo bereits Standard sind. Bestimmte ultraleichte Legierungen wie Aluminium-Lithium, Karbonnanor\u00f6hrchen wie bei Richard Mille und ultraharte Kunststoffe wie bei HYT geh\u00f6ren ebenso zu dieser Liste wie der Einsatz von Karbonfasern an sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Helfende Hand<\/strong><\/p>\n<p>Bis vor zehn Jahren waren die Uhrmacher sehr stolz darauf, nicht mit den Ingenieuren aus anderen Sparten gemeinsame Sache zu machen. F\u00fcr viele von ihnen war die Uhrmacherei eine Welt f\u00fcr sich mit eigenen Regeln und vor allem eigenen Verboten. Diese Mauern wurden jedoch eingerissen und Tabus abgeschafft. Nun war der Weg f\u00fcr neue Werkstoffe frei, von denen das f\u00fcr Spiralen, Unruhen und Anker verwendete und aus der Welt der Halbleiter stammende Silizium zu den interessantesten z\u00e4hlt. Urspr\u00fcnglich handelte es sich um eine Grundlagenforschung des CSEM, eines privaten Schweizer Forschungszentrums f\u00fcr Elektronik und Mikrotechnologie in Neuenburg. Dieses Labor hat auch massgeblich zur Entwicklung der unl\u00e4ngst von Vaucher Manufacture pr\u00e4sentierten Hemmung, dem System Genequand, beigetragen. Die Liste der von der Eidgen\u00f6ssischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) gestarteten Projekte ist fast endlos. Die Uhrmacherei profitiert vollumf\u00e4nglich von den modernen Strukturen f\u00fcr die Verbreitung von Wissen sowie vom Pragmatismus der Schweiz.<\/p><\/div>\n<p><\/br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Die mechanische Uhrmacherei<\/strong> befindet sich an der Schnittstelle zwischen Industrie und Luxus und \u00fcberrascht durch besonderen Einfallsreichtum. Das gr\u00f6sste Paradox ist, dass sie sich innerhalb eines eng gesteckten Rahmens aus vor mehreren Jahrhunderten erarbeiteten L\u00f6sungen weiterentwickeln muss. R\u00e4derwerk, Ankerhemmung, Spiralfeder, Automatikaufzug und analoge Anzeige erblickten zwischen 1450 und 1800 das Licht der Welt. Ihre langsame Perfektionierung erreichte in den 1960er-Jahren einen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt. Doch wie jede andere Industrie auch darf sie nicht auf der Stelle treten und muss unaufh\u00f6rlich nach neuen Ans\u00e4tzen suchen. Sonst liefert sie bahnbrechenden Innovationen Angriffsfl\u00e4che, wobei das batteriegetriebene Quarzwerk auf diesem Gebiet sicherlich den schlagendsten Beweis geliefert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Serienfertigung<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Uhrenmarken sind mit anderen Industrieriesen verglichen klein. Der Schweizer Uhrensektor erzielt insgesamt einen geringeren Umsatz als der Volkswagen-Konzern oder der Chemiegigant Dupont. Innovationen sind teuer, vor allem in der breiten Umsetzung. Ohne Serienfertigung zahlen sich die Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen nicht aus. Deswegen entwickelte die Uhrmacherei ihren eigenen Weg: Sie sucht nach Inspirationsquellen, passt sich an und \u00fcbernimmt. Die grossen Uhrmacher des 18. Jahrhunderts waren Mathematiker, Schlosser und Astronomen. Allroundtalente wie Breguet, Ber-<br \/>\nthoud und Graham konnten gleichermassen Zeitmesser, Schl\u00f6sser, Thermometer oder sonstige Messinstrumente entwickeln. Diese Erfinder waren jedoch aufgrund der geografischen Distanz, der fehlenden Kommunikationsmittel oder der riesigen Schneewehen in den Schweizer T\u00e4lern den Grossteil des Jahres vom Rest der Welt abgeschnitten. Offenheit und Neugier waren \u00fcberlebenswichtig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-8702\" title=\"\" src=\"http:\/\/preprod.gmtmag.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/40-innovation1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"358\" srcset=\"https:\/\/www.gmtmag.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/40-innovation1.jpg 600w, https:\/\/www.gmtmag.com\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/40-innovation1-300x179.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00d6ffnung<\/strong><\/p>\n<p>Die moderne Uhrmacherei hat sich nicht wirklich ver\u00e4ndert. Durch die Aufhebung von Grenzen sucht sie nach Bestehendem und passt ihre Bed\u00fcrfnisse an. Oberfl\u00e4chenbehandlungen wie PVD und DLC stammen aus dem Werkzeugmaschinenbau. Sie reduzieren die Reibung auf Ladeplatten und steigern die H\u00e4rte von Schneidwerkzeugen. Die sogenannte Hightech-Keramik diente vor dem ersten Einsatz bei Rado in den 1980er-Jahren als thermische Isolation in der Metallindustrie und in der Raumfahrt. Letztere liefert zahlreiche Materialien, die in der Uhrmacherei als neu gelten, obwohl sie anderswo bereits Standard sind. Bestimmte ultraleichte Legierungen wie Aluminium-Lithium, Karbonnanor\u00f6hrchen wie bei Richard Mille und ultraharte Kunststoffe wie bei HYT geh\u00f6ren ebenso zu dieser Liste wie der Einsatz von Karbonfasern an sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Helfende Hand<\/strong><\/p>\n<p>Bis vor zehn Jahren waren die Uhrmacher sehr stolz darauf, nicht mit den Ingenieuren aus anderen Sparten gemeinsame Sache zu machen. F\u00fcr viele von ihnen war die Uhrmacherei eine Welt f\u00fcr sich mit eigenen Regeln und vor allem eigenen Verboten. Diese Mauern wurden jedoch eingerissen und Tabus abgeschafft. Nun war der Weg f\u00fcr neue Werkstoffe frei, von denen das f\u00fcr Spiralen, Unruhen und Anker verwendete und aus der Welt der Halbleiter stammende Silizium zu den interessantesten z\u00e4hlt. Urspr\u00fcnglich handelte es sich um eine Grundlagenforschung des CSEM, eines privaten Schweizer Forschungszentrums f\u00fcr Elektronik und Mikrotechnologie in Neuenburg. Dieses Labor hat auch massgeblich zur Entwicklung der unl\u00e4ngst von Vaucher Manufacture pr\u00e4sentierten Hemmung, dem System Genequand, beigetragen. Die Liste der von der Eidgen\u00f6ssischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) gestarteten Projekte ist fast endlos. Die Uhrmacherei profitiert vollumf\u00e4nglich von den modernen Strukturen f\u00fcr die Verbreitung von Wissen sowie vom Pragmatismus der Schweiz.<\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":8701,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[506],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8706"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8706"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8706\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8707,"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8706\/revisions\/8707"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8701"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8706"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8706"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gmtmag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8706"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}