Interview: Christian Lattmann, CEO VON JAQUET DROZ

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Welchen Stellenwert hat der Bereich Ateliers d’Art bei Jaquet Droz in den letzten Jahren erhalten?

Der Bereich Ateliers d’Art zählt zu unseren Prioritäten: Er fällt stark ins Gewicht, da er mit der Grande Seconde und den Automaten das dritte Standbein der Marke bildet. Er kommt nicht nur in den Genuss des historischen Fachwissens von Jaquet Droz in diesem Bereich, sondern auch der jüngsten kreativen Weiterentwicklungen. Die Nachfrage nach diesen Kreationen steigt ständig, denn unsere Kunden begeistern sich zunehmend für die künstlerische und handwerkliche Dimension unserer sieben Künstler, die ausschliesslich limitierte Serien anfertigen. In diesem Jahr haben wir ein Zertifikat eingeführt, das die Künstler unterzeichnen, um ihren Werken noch mehr Emotionen zu verleihen, und das den Kunden, die diese Art von Beziehung mit dem Erschaffer ihrer Zeitmesser schätzen, absolute Transparenz gewährt.

Erwecken Sie in Vergessenheit geratene Techniken zu neuem Leben?

Manchmal schon, vor allem mit dem Goldblättchendekor, einer sehr alten und wenig verwendeten Technik, die Jaquet Droz als einzige Marke regelmässig wieder einsetzt. Jedes Jahr bieten wir eine auf acht Exemplare begrenzte Serie mit Goldblättchendekor an, die wir je nach gewünschten Motiven intern entwickeln und mit alten und neuen Blättchen bestücken, die mit grösster Sorgfalt emailliert werden. Es handelt sich um eine ästhetisch und vom menschlichen Können her wertvolle Handwerkskunst, denn jedes Blättchen wird von Hand aufgelegt. Eine Industrialisierung des Verfahrens ist undenkbar, denn das Ergebnis verändert sich je nach Atmosphäre in der Werkstatt und Temperatur im Ofen. Der visuelle Effekt ist spektakulär. Für uns gründet Luxus auf Authentizität und Handwerkskunst.

Halten Sie sich die Möglichkeit offen, auf Anfrage Unikate anzufertigen?

Ja zunehmend. Das entspricht unserem Konzept der Philosophie der Einzigartigkeit. Unsere Kunden bestellen regelmässig massgeschneiderte, oft herausragende, sehr themenbezogene und kunsthandwerkliche Zeitmesser, die unsere Kunsthandwerker intern anfertigen. Wir bieten übrigens regelmässig spontan solche Exemplare an, denn manchmal ist es unmöglich, ein Stück zweimal herzustellen. Sogar unsere limitierten Serien sind von Natur aus einzigartig, denn ihre handwerkliche Anfertigung ist nie zu 100% identisch.

Wechseln wir das Thema. Was ist die Zielgruppe der Grande Seconde Tourbillon Nacre?

Ganz allgemein haben unsere Kundinnen und Kunden ein Faible für Schönheit und Stil mit einem Hauch Andersartigkeit. Wir sind eine Nischenmarke mit starker Identität, weshalb man eine Jaquet Droz auf Anhieb erkennt. Die Grand Seconde Tourbillon Nacre ist folglich für sehr elegante Damen gedacht, die eine aussergewöhnliche Uhr suchen.

Interessieren sich die Kunden für die 80 Arbeitsschritte, die für Ihre Gehäuse notwendig sind?

Einige ja, aber nicht alle. Oft muss es dem Kunden vorab erklärt werden, doch das ist die Aufgabe unserer diesbezüglich geschulten Verkäufer – übrigens eine Herausforderung, vor der die ganze Uhrmacherei steht. Es gilt, unsere Werte und Arbeitsschritte hinter jeder Uhr zu beschreiben, um sie nachvollziehbar zu machen. Ob Gehäuse oder andere Elemente, unsere Kunden vertrauen unserer Marke, denn wir sind der Garant für eine bestimmte Methodologie. Unsere Werke werden beispielsweise alle von Hand montiert und vollendet. Wir haben für den Tourbillon in diesem Jahr auch eine Siliziumhemmung eingeführt.

Auf welche Neuheit 2017 sind Sie besonders stolz?

Ich bin ehrlich gesagt auf all unsere neuen Modelle in diesem Jahr stolz. Der Wettbewerb in der Uhrmacherei ist so intensiv, dass wir uns keinerlei Fehler leisten können. Die Ansprüche der Kunden sind so hoch, dass alles perfekt sein muss: vom Werk über das Zifferblatt bis zur Dornschnalle. Wir möchten vor allem auch schnell liefern können, denn auch das ist eine Erwartungshaltung des Kunden. Eines der Produkte mit der längsten Entwicklungszeit war die Loving Butterfly Automaton. Sie an der Baselworld zu präsentieren hat uns mit grösstem Stolz erfüllt. Das Originalmotiv war relativ naiv, weshalb wir stilmässig Klischees vermeiden und sehr feinfühlig vorgehen mussten, damit das Endergebnis dank einer engen Zusammenarbeit von Uhrmachern, Designern und Kunsthandwerkern durch subtile Eleganz besticht. Mit den scheinbar schwebenden Bäumen und den handgravierten Details des Engels ist es ihnen gelungen, einen Eindruck von Tiefe zu erzeugen und dennoch Reinheit zu vermitteln. Der Schmetterling, der zum Abflug bereit scheint, ist schon fast eine optische Täuschung: Ein Flügel schlägt seitlich und der andere horizontal. Einige Speichen des Wagens bewegen sich, aber nicht alle. Er scheint durch das gewölbte und entspiegelte Glas förmlich herauszuspringen! In diesem Bereich ist das künstlerische Potenzial noch enorm. Gleichzeitig ist uns auch die Grande Seconde Moon sehr wichtig, denn die grosse Sekunde ist und bleibt unsere Identität. Sie mit einer Komplikation zu koppeln ohne an Schlichtheit einzubüssen war eine echte Herausforderung. Dieser Erfolg ist für uns umso zufriedenstellender, als dass der astronomische Mond an sich schon eine zusätzliche und interessante Komplexität aufweist. Beide Uhren gefielen unseren Kunden sehr gut.

Hat sich in den vergangenen drei Jahren ein Produkt als Bestseller etabliert?

Volumenmässig liegt bei uns natürlich die Kollektion Grande Seconde vorn, wobei zwei Produkte wertmässig am besten abschneiden: die Bird Repeater und die Charming Bird. Erstere bleibt herausragend und steht bei den Kunden weiterhin hoch im Kurs. Sie ist unverändert emotional. Für uns bilden die Automaten in Bezug auf die Emotionen, die wir vermitteln möchten, das absolute Highlight. Pierre Jaquet-Droz und Henri Louis wollten begeistern und verblüffen, und wir bleiben diesem Ziel treu: Wir möchten den Menschen helfen, sich zu erinnern, wie begeisterungsfähig sie als Kinder waren, und wollen persönliche Emotionen auslösen. Wir sind stolz, dieses Erbe aufrechtzuerhalten, zumal auf dem Markt nur sehr wenige Konkurrenten dazu überhaupt fachlich in der Lage sind. Die Charming Bird und die Bird Repeater sind eine herrlich unbegrenzte Spielwiese, auf der wir uns mit verschiedenen, aber immer noch sehr begehrten Dekorationen austoben können.

Planen Sie auch andere Motive als Vögel?

Selbstverständlich. Auch wenn die Vögel den kreativen Mittelpunkt von Jaquet Droz darstellen, haben wir in diesem Jahr einen Schmetterling als Allegorie an die Liebe und die Natur dazugesellt. Es liegt uns sehr am Herzen, natürliche Elemente zu integrieren. Nächstes Jahr werden wir weitere interessante Interpretationen liefern, denn wir arbeiten an einem langfristig ausgelegten und aufregenden Programm.

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Brice Lechevalier ist Chefredakteur und Mitbegründer von GMT (2000) sowie Skippers (2001) und leitet WorldTempus seit der Integration in das Unternehmen GMT Publishing als Ko-Aktionär. 2012 entwickelte er die Geneva Watch Tour. Seit 2011 dient er als Berater des Grand Prix d’Horlogerie de Genève. Im Bereich des Segelsports zeichnet er seit 2003 für die Veröffentlichung der Zeitschrift der Socitété Nautique de Genève verantwortlich. Er ist ferner Mitbegründer des 2009 ins Leben gerufenen SUI Sailing Awards (offizieller Schweizer Segelpreis) sowie des 2015 erstmals durchgeführten Concours d’Elégance für Motorboote des Cannes Yachting Festival.

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