Gute Lesbarkeit ist eine Kunst

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Die Lesbarkeit ist von grösster ergonomischer Bedeutung. Für eine klare Zeitangabe – unerlässlich für technische Uhren und auch im Alltag nicht minder nützlich – braucht es einen holistischen Designansatz.

Technique-2Je nach Komplexität sowie der eigenen Vorliebe für bestimmte Designregeln ist eine Uhr mehr oder weniger einfach lesbar. Denn ebendiese zeichnen dafür verantwortlich, ob eine Uhr die Zeit unmissverständlich anzeigt oder nicht. Dabei steht viel auf dem Spiel, weil ein nicht unerheblicher Teil der Käufer schöner Uhren bereits das Alter der Weitsichtigkeit erreicht hat. Schliesslich wäre es nicht zumutbar, sie für den gar unbewussten Blick ans Handgelenk jedes Mal zum Tragen ihrer Lesebrille zu verdammen. Die Uhrmacher können nicht unermüdlich an einem Gegenstand mit einem Durchmesser von 3,5 bis 4,5 Zentimetern arbeiten und dabei seine Kleinheit ignorieren. Zumal die 45 mm heute wieder auf 42 mm zusammengeschrumpft sind – und dieser Unterschied ist wahrlich deutlich sichtbar.

VERBREITERN

Regel Nummer 1 für bessere Lesbarkeit: grösser schreiben. Doch diese Binsenweisheit ist tückischer umzusetzen als man glaubt. Eine fettere Schrift wirkt selten diskret und elegant. Solch ein Versuch mündet fast immer im sportlichen Bereich. Das hinderte Bell&Ross jedoch nicht daran, ein sehr spezielles und eindeutig auf Lesbarkeit ausgelegtes Zifferblatt zu entwickeln. Das Geheimrezept beruht in erster Linie auf den vier grossen, sehr ausgefallenen arabischen Ziffern, die die Marke eigens dafür entwickelte. Ganz allgemein lesen sich arabische Ziffern leichter als römische, aber weniger gut als Indexe. Je grösser die Letzteren, desto höher die Lesbarkeit… bis sich der Effekt wieder umkehrt. Die Taucheruhren von Seiko sind schon nahe am Limit und genau das macht ihren Erfolg aus.

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KONTRASTIEREN

Regel Nummer 2: für Kontraste sorgen. Ton in Ton ist schwer erkennbar. Bei Uhren ohne Zifferblatt fehlen oft die Anhaltspunkte, wobei Skelettuhren mit verschiedenen Hintergründen und Tiefen eine besondere Herausforderung sind. Nichts verwirrt das Auge mehr, ausser vielleicht einer am Aussenrand befindlichen Tachometerskala. Weiss auf schwarzem Grund ist und bleibt optimal, vor allem ein mattes Schwarz, wie es Tudor wohlüberlegt für die Pelagos-Modelle wählt. Polierte Zeiger und Zifferblätter im Sonnenschliff sind ebenfalls zu vermeiden, denn die möglichen Spiegelungen beeinträchtigen das Lesen bei starker Sonneneinstrahlung wie auch bei schwachem Licht. Kontraste sind vorteilhaft, weil sie wie beispielsweise bei der Classique 7147 von Breguet auch elegant wirken können.

ABTRENNEN

Technique-3Technique-10Je mehr Anzeigen, desto grösser das Verwirrungspotenzial. Die kleine Sekunde ist hier, der Chronograph da, und was war noch dieser Zähler bei 3 Uhr? Einigen Marken ist eine gute Anordnung der Komplikationen gelungen. Breguet entwickelte einen ewigen Kalender mit vertikaler Anzeige. Patek Philippe kombiniert beispielsweise bei der Nautilus 5980 Stunden und Minuten des Automatikchronographen im gleichen Zähler. Bestimmte Abtrennungen funktionieren auch gut. Omega optimierte die Lesbarkeit der Seamaster Planet Ocean in der Dunkelheit durch eine Kombination aus zwei unterschiedlich farbigen Super-LumiNova-Leuchtmassen für Stunden und Minuten.

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VERGRÖSSERN

Last but not least kann man auch künstlich vergrössern. Rolex ist hier das offensichtlichste Beispiel mit der bereits 1953 patentierten Cyclope-Lupe über dem Datum. Es geht aber auch subtiler. Bestimmte Uhren mit Komplikationsmodulen werden mit einer stark tiefergelegten Datumsscheibe versehen. Um hier den Kel- lereffekt zu vermeiden, füllt IWC das Datumsfenster der Portofino Moon Phase mit Glasfasern. Diese sind unsichtbar, heben das Datum jedoch visuell an, sodass es auf gleicher Höhe mit dem Zifferblatt zu sein scheint. Genial!


PAULS POSITION

Wenn Sie die Lesbarkeit ganz oben auf Ihre Prioritätenliste setzen, grenzen Sie damit die Ergebnisse nicht unbedingt ein. Eine Schnellsuche auf WorldTempus mit dem Begriff «Lesbarkeit» gibt 377 Artikel an, die dieses Wort enthalten, und ausserdem haben Sie die Qual der Wahl. Bei genauerer Betrachtung stellen Sie fest, dass auch einfarbige, ultraflache und skelettierte Uhren unter Umständen perfekt gut ablesbar sein können. Wie so oft in der hohen Uhrmacherkunst steckt der Teufel im Detail.

Der Uhrenfachjournalist und regelmässige Korrespondent für WorldTempus.com schreibt unsere Rubrik Innovation in einem für alle verständlichen Stil.

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