Interview Nicolas Baretzki: CEO Montblanc

Interview N Baretzki

Sie befinden sich seit letztem Frühling an der Spitze von Montblanc. Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse 2017?

Montblanc verzeichnet seit einigen Jahren ein stetiges und stabiles Wachstum, und wir können dieses Leistungsniveau in allen Tätigkeitsbereichen halten. Unser Erfolg ist nicht auf ein bestimmtes Element zurückzuführen, sondern auf eine ganze Vielzahl von Faktoren: Wir müssen z.B. in der Lage sein, bei den Lederwaren Gas zu geben und gleichzeitig in der Uhrmacherei neue Bereiche zu erobern. Die Umsetzung dieser Faktoren schlägt sich in Form von Wachstum nieder. Besonders in der Uhrmacherei hat der gewaltige Erfolg der Summit unsere Erwartungen übertroffen. Überdies wurden wir nach der reibungslosen Neulancierung der emblematischen Linie 4810 von ihrem Aufschwung überrascht. Das Gleiche gilt für die TimeWalker.

«Wir müssen den Kunden jetzt die Eingliederung von Minerva in die Marke Montblanc erklären.»

Worauf gründen Sie Ihre Strategie in einer Welt, die manchmal aus dem Lot zu geraten scheint?

Wir haben in der Tat ziemlich avantgardistisch gehandelt, als wir die Marke vor vier Jahren auf einem aggressiveren Preissegment positioniert haben. Heute leiten viele Marken diese strategische Wende ein, aber wir haben uns bereits einen Vorsprung erarbeitet. Allerdings dreht sich die Welt heute schneller. Man muss ein offeneres Ohr für Kundenwünsche haben und besser vorausplanen können. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass etwas geändert wird, sondern dass man darauf vorbereitet sein muss, denn wir beobachten in der Tat spürbare Trendwechsel. Wir müssen unbedingt verstehen, was der Kunde wünscht. Daher bringen wir dreimal im Jahr die grössten Märkte sämtlicher Produktkategorien zusammen, denn einige Kernpunkte können zeitgleich in den Bereichen Schreibgeräte, Uhrmacherei und Lederwaren erarbeitet werden. Diese Treffen sind äusserst lehrreich, und wir nutzen die daraus gewonnenen Erkenntnisse, um die richtigen Entscheidungen zu treffen und unsere Strategie zu verfeinern.

Und worin besteht diese heute?

MontblancWir führen die Strategie fort, die mit meinem Vorgänger Jérôme Lambert eingeleitet wurde: Wir bieten schöne Uhrmacherei mit Temperament zu einem sehr erschwinglichen Preis. Parallel dazu verstärken wir den Fokus auf den ausgeprägten Charakter unserer Uhren. Wir mischen nicht in allen Preissegmenten mit, sondern hauptsächlich bei Uhren in der Preislage zwischen EUR 2000 und EUR 5000 und dann mit den komplizierten Uhren von Villeret im Segment über EUR 20 000. Gleichzeitig reduzieren wir die Anzahl Kollektionen von 10 auf 6 und setzen zwei Schwerpunkte: Auf der einen Seite befinden sich die klassischen Uhren mit Modellen wie 4810 und Heritage für Herren, Bohème für Damen und Star für beide. Auf der anderen Seite bieten wir ein ganz neues Universum mit Sport– und Profiuhren wie die 2017 bzw. 2018 neu lancierten Kollektionen TimeWalker und 1858. Dieses neue Segment sollte langfristig ein Drittel unseres Gesamtvolumens ausmachen. Jede Linie verfügt über einen eigenen Raum, in dem sie sich frei entfalten kann, und über eigene Ursprünge. Unsere Fachkenntnis bleibt untrennbar mit dem Erbe von Minerva verbunden.

Verzeichnen Montblanc-Uhren mit dem Erbgut von Minerva den erwünschten Erfolg? Welches Potenzial bergen sie?

Wir konnten feststellen, dass das Thema Minerva enormes Potenzial birgt und dass wir seit der Neuauflage des Eindrücker-Chronographen – zunächst in Roségold, dann in Edelstahl und nun in Bronze – grosse Aufmerksamkeit erhalten. Diese Beachtung geht über den sehr bedeutenden Kreis der Minerva-Sammler hinaus. Tatsächlich haben wir Kunden, die vor allem die Kompetenz und das Fachwissen von Minerva kaufen, und diese Nachfrage übersteigt unsere Produktionskapazität. Wir wollen nicht Minerva an sich weiterentwickeln, sondern ihre Philosophie in die verschiedenen Linien der Marke integrieren. Sie soll ein integraler Bestandteil der Botschaft unserer Kollektion sein und zudem ihr Fachwissen in die Luxusmodelle als Glanzstücke der Kollektion einbringen. Und das zu einem sehr attraktiven Preis.

«Die Erforschung ist für Montblanc ein starkes Thema.»

Glauben Sie, dass der Trend zu Uhren im Neo-Vintage-Stil tief verwurzelt ist und noch lange andauern wird?

Nichts währt wirklich ewig, aber diese Phase ist sehr bedeutend, insbesondere weil sie mehrere Generationen zugleich umfasst. Die Millennials fühlen sich sehr zu Produkten im Vintage-Stil und aus den 1970er-Jahren hingezogen. Das betrifft sowohl die Mode als auch andere Bereiche wie Star Wars. Es handelt sich dabei um eine Grundtendenz, die wir noch in einigen Jahren spüren werden und aus der auch die Uhrmacherei ihre Inspiration schöpft.

Brice Lechevalier ist Chefredakteur und Mitbegründer von GMT (2000) sowie Skippers (2001) und leitet WorldTempus seit der Integration in das Unternehmen GMT Publishing als Ko-Aktionär. 2012 entwickelte er die Geneva Watch Tour. Seit 2011 dient er als Berater des Grand Prix d’Horlogerie de Genève. Im Bereich des Segelsports zeichnet er seit 2003 für die Veröffentlichung der Zeitschrift der Socitété Nautique de Genève verantwortlich. Er ist ferner Mitbegründer des 2009 ins Leben gerufenen SUI Sailing Awards (offizieller Schweizer Segelpreis) sowie des 2015 erstmals durchgeführten Concours d’Elégance für Motorboote des Cannes Yachting Festival.

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